• Tina Hauswald

Christopher Street Day – ein Tag mit viel Bedeutung

Aktualisiert: 23. Dez. 2020

Hey Du, bevor es mit dem eigentlichen Text losgeht, möchte ich Dir noch die Begriffe queer und LGBTQIA+ erklären. Das wird etwas methodisch, aber dafür bist Du danach quasi Vokabelprofi in Sachen Christopher Street Day. Falls Du schon weißt, was die Begriffe bedeuten, möchte ich Dich nicht weiter aufhalten und Dir viel Spaß mit meinem Artikel wünschen.


 

WARNING:

Der folgende Abschnitt ist sehr theoretisch und trocken. Er gibt Dir dafür einen Überblick über die Breite der LGBTQIA+ Community. Diese wäre Dir bestimmt dankbar, wenn Du Dir die Zeit nimmst und Dich durch den Abschnitt kämpfst – ich im Übrigen auch. ;)


Die Begriffe „queer“ und „LGBTQIA+“

Wenn Du Dich schonmal mit dem Christopher Street Day auseinandergesetzt hast, begegneten Dir bestimmt schon ein paar Mal die Begriffe queer und LGBTQIA+. Aber was bedeuten sie denn überhaupt?

Wenn Du Wikipedia fragst, erklärt es, dass man „Dinge, Handlungen oder Personen, die durch oder als Ausdruck einer sexuellen oder geschlechtlichen Identität von der gesellschaftlichen Cis-Heteronormativität abweichen“ als queer bezeichnet.

Bitte was? Und Cis-Heteronorma-was?

Keine Sorge, der Begriff scheint deutlich komplizierter, als er in Wahrheit ist. Schauen wir mal, was die einzelnen Bestandteile eigentlich bedeuten:

Cis heißt eigentlich nur, dass man sich mit seinem biologischen Geschlecht identifiziert und bildet damit das Gegenteil zu Transsexualität.

Heteronormativität bezeichnet eine Einstellung bzw. Anschauung, bei der zum einen Heterosexualität als Norm angesehen wird, und die zum anderen nur zwei Geschlechter (Mann und Frau) kennt (= binäres Geschlechter-System) sowie von diesen die Einhaltung der traditionellen Geschlechterrolle verlangt.

Was bedeutet dann also Queer-Sein? Queere Menschen identifizieren sich demnach (entweder) nicht mit ihrem biologischen Geschlecht, dessen traditionelle Rolle, der Heterosexualität oder/und dem binären Geschlechter-System.

Okay, und was hat die Buchstabensammlung LGBTQIA+ jetzt damit zu tun?

LGBTQIA+ ist eine Abkürzung für lesbian (=lesbisch), gay (=schwul), bisexual, transgender, queer sowie questioning (= fragen; also Menschen, die sich über ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität noch nicht im Klaren sind), intersex, asexual und ally (= Verbündete*r; Personen, welche die Community und ihre Werte vertreten und Ausgrenzung, Diskriminierung sowie Vorurteile bekämpfen). Das bedeutet, dass die LGBTQIA+ Community eigentlich die Gemeinschaft aller queerer Menschen und deren Unterstützer ist. Na, hast Du gemerkt was noch fehlt? Das Plus am Ende, es steht für alle anderen Geschlechter und Identifikationen, die in der Abkürzung nicht mit einem Buchstaben vertreten sind. Deshalb findest Du im Übrigen auch unterschiedlich lange Versionen des Begriffs (LGBT+, LGBTQ+, LGBTI+,…).

 

Christopher Street Day – ein Tag mit viel Bedeutung

Jedes Jahr im Juni ziehen riesige Umzüge durch die Großstädte der Welt: Es ist bunt, es ist laut, es ist Liebe in der Luft – es ist Christopher Street Day (CSD). Aber was genau wird da gefeiert? Warum im Juni? Was haben Regenbogenflaggen damit zu tun? Und welche Bedeutung hat der CSD für die queere Community? Ich habe nachgeforscht, nachgefragt und einiges gelernt – ich kann es kaum erwarten, das alles jetzt mit Dir zu teilen.


„Für mich bedeutet der CSD Erinnerung – Erinnerung an all die großartigen Menschen, die in der Vergangenheit für die Rechte von Homosexuellen und anderen sexuellen Minderheiten gekämpft haben.“

– Emma Bossert, Sprecherin der Grünen Jugend Neuenbürg


Während meiner Recherche habe ich ein paar meiner queeren und politisch-aktiven Freund*innen befragt, was für sie – ganz subjektiv – der CSD bedeutet. Emma betonte dabei den historischen Aspekt, mit dem alles begann. Du hast keine Ahnung, wovon sie redet? Keine Sorge, denn wir werfen jetzt gemeinsam einen Blick in das Geschichtsbuch:

Der Stonewall-Aufstand – Wendepunkt einer Bewegung

Wir befinden uns in den 1960er Jahren – 1969 um genau zu sein. In New York City hat sich in den letzten Jahren eine trans- und homosexuelle Szene entwickelt: Immer mehr Schwulen-Bars eröffnen, der Zulauf wächst und wächst. Doch von Akzeptanz fehlt leider noch immer jede Spur: Häufig werden gerade an diesen Orten gewaltsame Polizei-Razzien durchgeführt. Die Beamten nehmen die Gäste solcher Bars willkürlich fest, behaupten, sie erregten öffentliches Ärgernis, auch schon durch ihre bloße Anwesenheit. Misshandlungen und das Zwangs-Outen dieser Verhafteten in der Presse gehören ebenfalls zu den Schikanen. Das Ausmaß der darauffolgenden sozialen Ausgrenzung ist extrem hoch: Man verliert mit hoher Wahrscheinlichkeit seinen Job, seine Freunde und Familie sowie jegliches soziales Ansehen – eigentlich seine gesamte Existenz. Ist doch verständlich, dass sich irgendwann mal jemand gegen die grausame Polizeiwillkür wehrt, oder nicht? Genau das passierte dann auch in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969:

Gegen 1.20 Uhr betritt die Polizei die Bar „Stonewall Inn“, die sich in der Christopher Street – aha; da kommt also der Name her – in New York City befindet. Die Polizisten führen eine Razzia durch und beginnen damit, Gäste zu verhaften. Wer genau anfing, sich gegen die Festnahmen zu wehren und warum genau an diesem Abend, geht in den Aufruhen unter und bleibt somit bis heute Spekulation. In jedem Fall beginnen sich immer mehr Besucher der „Stonewall Inn“ und den umliegenden Schwulen-Bars zu solidarisieren. Es kommt zu einer regelrechten Straßenschlacht und gewaltsamen Vertreibung der Beamten. Es gibt einige Festnahmen und Verletzte; genaue Zahlen sind bis heute nicht bekannt. Die Aufstände hielten noch fünf weitere Tage an. Man schätzt, dass alleine in dieser ersten Nacht circa zweitausend queere Personen und vierhundert Polizisten, darunter Sondereinheiten, beteiligt waren.

Dass das einen historischen Tag für die Community darstellt, steht außer Frage. Denn so ein verbündetes Vorgehen gegen Diskriminierung gab es davor noch nie. Aber was genau änderte sich nach den Aufständen? Und warum bedeutet dieser Tag über fünfzig Jahre später Menschen wie Emma noch so viel?

Das Vermächtnis der Aufstände

Die mehrtägigen Proteste gaben der homosexuellen Befreiungsbewegung einen enormen Aufschwung, sie bildeten eine Art Startschuss. Es gründete sich kurz darauf die Gay Liberation Front (GLF), die sich für Gleichberechtigung sowie die Vertretung ihrer Community einsetzte und schnell an beinahe allen us-amerikanischen Universitäten vertreten war. Gründungen solcher Organisationen blieben aber nicht lange ein amerikanisches Phänomen: Nur ein paar Jahre später schwappt die Bewegung nach Kanada, Europa und Australien.

Der Stonewall-Aufstand wird nicht selten als Wendepunkt des Selbstverständnisses der Community bezeichnet. Was damit gemeint ist? Seit diesem Tag prägt die Bewegung ein Selbstbewusstsein, das zuvor nicht vorhanden war. Deshalb wird der CSD im englischen Sprachraum auch oft Pride (= Stolz) genannt. Findest Du diese Bezeichnung auch so herzerwärmend wie ich? Das wichtigste Vermächtnis bleibt aber wohl der symbolische Wert: Der Kampf gegen Diskriminierung und für gleiche Rechte sowie eine vielfältige Gesellschaft.

„Der CSD ist immer noch ein Auftrag, sich für Gleichberechtigung und Diversität einzusetzen. Gleichzeitig feiert man dabei Erfolge und benennt diskriminierende Strukturen und Gesetze.“

– Lorenz Hornung, Vorstandsmitglied der Grünen Jugend Baden-Württemberg

Lorenz bezieht sich auf genau diesen symbolischen Wert, er bezieht sich auf die Schattenseiten des Queer-Seins: die Diskriminierung.

Um dem Auftrag, den Lorenz in seinem Statement erwähnt, auch in meinem Text etwas nachzukommen, habe ich euch ein paar Fakten zur Ausgrenzung der Community LGBTQIA+ recherchiert. So können wir gemeinsam ein Licht in das Dunkle halten. Ich glaube, ich nehme nicht zu viel vorweg, wenn ich Dir sage, dass die Zahlen wirklich erschrecken.

Die Schattenseite

Homosexualität als Straftat

Liebe unter Gleichgeschlechtlichen ist heute – im Jahr 2020 – noch in 72 Ländern strafbar (das entspricht mehr als einem Drittel aller Staaten!). Für mich unerklärlich, warum Liebe eine Straftat darstellen soll. In acht Ländern gibt es für Homosexualität sogar noch die Todesstrafe – what the fuck?! Und selbst wenn gleichgeschlechtliche Liebe in einem Land nicht als Straftat gilt, heißt das noch lange nicht, dass dort homosexuelle Paare die gleichen Rechte genießen wie heterosexuelle Paare. Zum Beispiel darf man nur auf ca. 12% unseres Planeten einen Partner mit demselben Geschlecht heiraten. Deutschland fungiert in dieser Thematik ganz und gar nicht als Vorbild: Erst vor drei Jahren erlaubte man hierzulande die Ehe für alle; wohlgemerkt als einer der letzten EU-Staaten.

Queere Menschen – Opfer von Gewalt

Die Zahl, die mich bei meiner Recherche am meisten schockierte, war folgende: Mehr als 40% der Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Intergeschlechtlichen verheimlichen in Deutschland ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität aus Angst, Diskriminierung zu erfahren – das sind circa 2,5 Millionen Bürger. Natürlich war mir klar, dass wir auch in Deutschland noch stark gegen Menschenfeindlichkeit und Ausgrenzung vorgehen müssen. Aber ich habe mich gefragt, ob die Situation wirklich so schlimm ist, dass beinahe die Hälfte aller queerer Personen Angst haben muss, sich zu outen? Bei der Suche nach einer Antwort habe ich Zahlen gefunden, die meines Erachtens für sich sprechen:

2019 nahmen die homo- und transfeindlichen Straftaten um mehr als 60% zu; sie haben sich also mehr als verdoppelt. Experten gehen von einer noch deutlich höheren Dunkelziffer aus, weil viele solcher Delikte nicht als solche identifiziert werden oder die Betroffenen aus Angst keine Anzeige erstatten. Vor allem rechte Gewalttaten fokussieren sich nach Ausländern und politischen Gegnern nun auch vermehrt auf die LGBTQIA+ Community. Das Schlimmste an rechter Gewalt der letzen Jahre: Sie richtet sich zunehmend gegen Kinder und Jugendliche und 80% der Straftaten sind Körperverletzungen. Die Statistiken zeichnen ein klares Bild: Die Ängste unserer queeren Mitmenschen sind mehr als begründet. Mittlerweile wundere ich mich fast mehr über den Mut der Hälfte der Community, die sich in diesem Umfeld outet. Es sollte doch eigentlich klar sein, dass solche Menschen besonderen Schutz brauchen, oder?


„Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

– Art. 3 Abs. 3 GG


Das ist der dritte Absatz des Artikel drei in unserem Grundgesetz. Er betont das Verbot einer Diskriminierung aller Bevölkerungsgruppen, die Nazis in der NS-Zeit systematisch verfolgten. Wirklich aller Bevölkerungsgruppen? Nein, Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Identität verfolgt wurden, sind die einzige Gruppe von Opfern der NS-Zeit, welche nicht in diesem Artikel geschützt werden. Dabei haben Nazis circa 54.000 queere Menschen verurteilt und mindestens 7000 in Konzentrationslagern ermordet. Liebe Bundesregierung, das ist wirklich ein Armutszeugnis.

Aber die LGBTQIA+ Community erfährt nicht nur institutionalisierte Diskriminierung wie diese, sondern auch ganz alltägliche.

Alltagsdiskriminierung und längst Überfälliges

Kannst Du Dir vorstellen, eine Wohnung oder einen Job nicht zu bekommen oder zu verlieren, aufgrund Deiner sexuellen Vorlieben? Oder kannst Du Dir vorstellen, ein Jahr lang keinen Sex zu haben, nur um Blut zu spenden, einfach weil man grundsätzlich davon ausgeht, dass Deine Spende unsicher ist? Ich kann es mir ganz und gar nicht vorstellen, aber was für mich so abwegig erscheint, ist für sexuelle Minderheiten Alltag. Auch darfst Du zum Beispiel erst seit diesem Jahr Deine*n Arbeitgeber*in verklagen, wenn diese*r sich abfällig über Deine sexuelle Orientierung äußert, das entschied der europäische Gerichtshof im April. Hast Du mittlerweile auch Zweifel daran, im 21. Jahrhundert zu leben?

Was kann jede*r Einzelne tun?

Wenn Dich diese Ausgrenzung und Diskriminierung so anwidert wie mich, dann hilf doch mit, sie zu minimieren. Aber was kannst Du als Einzelperson tun?

Du kannst…

…Deinen Sprachgebrauch ändern

Sehr viele Menschen diskriminieren die Community alltäglich mit ihrer Wortwahl, vielleicht sogar, ohne es zu merken. Vermeide es zum Beispiel, „schwul“ als synonym für uncool, feminin oder etwas Negatives zu verwenden. Versuche auch, Heterosexualität nicht als normal oder natürlich dazustellen oder zu bezeichnen. Sonst vermittelst Du den Eindruck, jede andere sexuelle Orientierung sei abnormal oder falsch.

Außerdem kannst Du Dich bei Personen nach ihrem gewünschten Pronomen (er/sie/…) erkundigen. Wir achten selbst bei Haustieren darauf, sie richtig zu gendern, dann können wir das auch bei unseren Mitmenschen.

Ein weiteres Beispiel stellt das Gendern allgemein in der Sprache und Schrift dar: Immer öfter sprechen wir von Lesern und Leserinnen, aber was ist mit Personen außerhalb des binären Geschlechter-Systems? Um diese mit einzubeziehen, erfand man das Gendersternchen (*), es soll alle Sexualitäten repräsentieren. In meinem Beispiel würde man es so verwenden: liebe Leser*innen.

Nur beim Sprechen gibt es damit Probleme: Wie spreche ich einen Stern? Meistens macht man anstelle des Sternchens eine kurze Pause oder spricht einfach durch. Wem das zu kompliziert ist, der kann auch einfach eine geschlechts-unspezifische Bezeichnung wählen, also zum Beispiel Leserschaft statt Leser oder Leserin.

…selbst aktiv werden

Weise zum Beispiel andere auf ihren diskriminierenden Sprachgebrauch hin, sodass auch diese niemanden mehr unwillentlich verletzen.

Wenn Du mitbekommst, wie jemand eine andere Person oder Gruppe (un)bewusst diskriminiert, sag‘ und mach‘ etwas dagegen. Zeig‘ den Betroffenen, dass Du auf ihrer Seite bist und nicht einfach wegschaust. Hilf ihnen aus der Situation und verständige wenn nötig die Polizei.

Kläre Dich und andere Menschen über die Community auf, um eigene Vorurteile loszuwerden. Damit kannst Du direkt hier anfangen. Erkenne so, wenn jemand etwas Falsches oder mit Vorurteilen Belastetes behauptet und lass‘ es dann auch nicht unkommentiert stehen.

Oder unterstütze die Community bei ihren politischen Zielen: Unterschreibe Petitionen, gehe auf Demonstrationen und besuche vielleicht den nächsten CSD in Deiner Stadt.

Ich kann mich meinen Kolleg*innen nur anschließen: Der CSD ist für mich sowohl historischer Feiertag als auch weiterhin ein Befreiungskampf. Mir persönlich liegt aber noch ein anderer Aspekt am Herzen – das Aufklären über die Vielfalt der Community.

(– Ich)


Du bist jetzt offiziell aus der Aufklärungseinheit zum Christopher Street Day entlassen. Für einen runden Schluss noch mein kleines Fazit:

Ich finde, es ist ganz egal, welche Bedeutung der CSD für Dich hat. Ob Gedenk-, Warn- oder Feier-, es bleibt ein wichtiger und richtiger Tag vor allem – aber nicht nur – für queere Community.

Solidarische Grüße

Tina

PS: Wenn Du willst, kannst Du hier noch mehr über die LGBTQIA+ Community lernen.

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